Für Sebastian-Justus Schmidt ist Nachhaltigkeit kein modernes Schlagwort. Für ihn ist es eine Lebensweise. In seinem Haus sind alle Materialien recycelbar, die Energie kommt von der Sonne, gespeichert wird mit Wasserstoff. Für den Geschäftsmann aus Deutschland ist sein „Phi Suea House“ im thailändischen Chiang Mai die Verwirklichung eines Lebenstraums, der auch den Anfang für ein neues Geschäftsfeld mit sich brachte. Auch wenn das eine Zufallsgeschichte war.

Anion Exchange Membrane

Foto: Enapter

Batterien als Speicher kamen für Schmidt nicht in Frage. Haben sie ausgedient, landen sie auf dem Müll. Genau das will er aber vermeiden. Auf der Suche nach einer Alternative traf er auf einer Messe in Singapur eine kleine Firma aus Pisa, die Elektrolyseure herstellten und seine Begeisterung für Wasserstoff weckten. „Das System fand ich klug“, erzählt Schmidt. Er kaufte nicht nur gleich ein paar der Anlagen für sein Haus, er beschäftigte sich auch intensiv mit dem Thema. Zwei Jahre las er alles, was es darüber zu lesen gab.

Als 2017 die kleine Firma aus Italien Insolvenz anmeldete, kaufte er sie kurzerhand und stieg in das Geschäft mit Elektrolyseuren ein. Vier Millionen Euro investierte er in das Unternehmen Acata, dass er in „Enapter“ umbenannte, und in die Weiterentwicklung der Technik. Er ist davon überzeugt, dass Wasserstoff das Potenzial hat, eine Schlüsselrolle bei der Umstellung auf saubere Energie zu spielen. Bisher sei dies durch Kosten und Skalierbarkeit eingeschränkt worden. Und genau das will er jetzt ändern.

AEM-Elektrolyse ist deutlich günstiger

Statt auf die inzwischen gängige Polymerelektrolytmembran (PEM)- Elektrolyse setzt Schmidt auf ein bisher nur in Expertenkreisen bekanntes Verfahren. Die Anionenaustausch- Membran (AEM) ist eine Mischung aus PEM- und alkalischer Elektrolyse und hat den großen Vorteil, dass für die Katalysatoren keine teuren Edelmetalle wie Platin und Iridium benötigt werden. Da diese neben den Kosten für Separatorplatten und Stromkollektoren einen erheblichen Teil der Stackkosten eines PEM-Elektrolysestacks ausmachen, ist eine AEM-Elektrolyse wesentlicher günstiger. „Der Aufbau der Stacks ist zudem sehr einfach und die Technologie ist bei einer Skalierung sehr günstig“, erklärt Schmidt.

Sein Elektrolyseur unterscheidet sich nicht nur aufgrund seiner Funktion von anderen Anlagen. Er ist vor allem sehr viel kleiner und schafft maximal ein Kilogramm Wasserstoff am Tag herzustellen, womit er sich vor allem für integrierte Wasserstoff-Energielösungen für netzunabhängigen Strom, Energiespeicherung und Mobilität eignet. Die Anlage verfügt zudem über ein Energie- überwachungs- und Steuerungssystem, für das Sensoren Daten in Echtzeit sammeln. Schmidt: „Wir schaffen die ideale Benutzererfahrung, inspiriert von den besten IoT-Systemen, ohne Kompromisse bei der Sicherheit einzugehen oder sich auf eine kontinuierliche Cloud-Service-Verbindung zu verlassen.“ Leistungsfähigere AEM-Elektrolyseure gibt es noch nicht. Die Entwicklung der dafür notwendigen Katalysatoren ist noch Forschungsgegenstand, womit sich unter anderem das Deutsche Institut für Luft- und Raumfahrt (DLR) beschäftigt.

Hergestellt in einer Massenfertigung will Schmidt auf Erzeugungskosten von 1,50 Euro je Kilo Wasserstoff vor 2030 kommen. Wird das Gas in einem Auto eingesetzt, muss der Wasserstoff zwar auf 700 bar verdichtet werden, was die Kosten erhöht. Sie würden nach Angaben von Schmidt aber immer noch weit unter dem Preis von derzeit 9,50 Euro pro Kilo liegen, der an den Wasserstofftankstellen bezahlt werden muss. „Unsere Mission ist es, die Erzeugung von grünem Wasserstoff billiger zu machen als fossile Brennstoffe“, erklärt der Unternehmen. „In dem Augenblick, wenn günstiger grüner Wasserstoff zur Verfügung steht, wird sich die Welt positiv verändern. Wasserstoff ist der Energieträger der Zukunft, aber dafür müssen wir maximal an der Kostenschraube drehen.“ 

Dass er das schafft, steht für den Geschäftsmann außer Frage. Schon jetzt ist sein gesamtes Konzept darauf ausgelegt, dass die Komponenten möglichst günstig und vor allem in der Handhabung einfach sind. Membrane, Kathoden, Software – alles wurde nach dem Kauf des Unternehmens weiterentwickelt und optimiert. Schmidt: „Wir haben Grundlagenforschung betrieben.“

Abgeschlossen sind die Entwicklungen noch nicht. Aber schon heute könne mit den Geräten Wasserstoff für unter 7 Euro pro Kilo hergestellt werden. Von seinem Konzept überzeugte er auch die Dena, die Enapter für das innovativste und wirkungsvollste Geschäftsmodell in den Bereichen Energiewende und Klimaschutz mit dem internationalen SET Award 2019 auszeichnete.

Close up of Enapter founder Sebastian-Justus Schmidt smiling

Sebastian-Justus Schmidt
Foto: Enapter

Schmidt ist zwar idealistisch, hat aber ein gutes Gespür für Entwicklungen und Geschäftsfelder. Er entwickelte bereits Apps, als er für die Idee noch ausgelacht wurde und interessierte sich für Bedieneroberflächen von Smartphones, als diese noch Handys hießen. Sein Unternehmen SPB gilt als eines der erfolgreichsten für mobile Software. Seine Anteile hat Schmidt inzwischen zwar längst verkauft. Zur Ruhe setzt der sich deswegen noch lange nicht und er kommt Deutschland geschäftlich wieder näher. 2018 gründete er in Berlin ein Projektbüro für Enapter und ist zurzeit auf der Suche nach einem Produktionsstandort für eine Massenproduktion. Im Moment startet er aber gerade richtig in Italien durch, wo er vor Kurzem mit der Serienfertigung begann. Sein Ziel ist ergeizig. Er will das Marktsegment der modularen Elektrolyseure anführen und zukünftig dominieren.

Von seiner Wasserstoff-Idee überzeugte der Geschäftsmann sechs private Investoren, die insgesamt 4,6 Millionen Euro in das Unternehmen steckten, um die Serienfertigung in Pisa zu starten. Bisher waren die Elektrolyseure mit etwa fünf Stück pro Monat noch Manufaktur. Ab Januar sollen es bereits 50 pro Monat sein und im Laufe des Jahres auf 100 pro Monat steigen. Die Nachfrage, so Schmidt, sei groß. Interessenten gebe es in Asien, Russland und den USA, wo die Anlage von Hausbesitzern eingesetzt wird, um energieautark zu sein. Im niederländischen Rozenburg, in der Nähe von Rotterdamm, wird der Enapter-Elektrolyseur in einem Projekt verwendet, in dem der weltweit erste wasserstoffbetriebene Haushaltskessel unter realen Bedingungen getestet wird.

In fünf Jahren soll die Fertigungskapazität bereits auf 100.000 Systeme pro Jahr ansteigen. Produziert wird dies aber nicht in Italien, sondern in Deutschland. Aus Sicht von Schmidt der beste Standort, weil es hier die notwendigen Fachkräfte nicht nur für die Forschung und die Produktion gibt, sondern auch für den Aufbau einer Fertigung. Im Frühjahr 2020 will er spätestens die Entscheidung für den Standort fällen, um möglichst schnell in die Massenfertigung einzusteigen, wofür er Kapital in Höhe von 30 Millionen Euro benötigt. Dafür plant Schmidt, von einem Unternehmenswert von 120 Millionen Euro. Schmidt: „Wir glauben, dass Wasserstoff eine Lösung ist, um fossile Brennstoffe zu ersetzen und große Auswirkungen auf die Zukunft der Energie hat.“ Angela Schmid

Strompreis für die Produktion von Wasserstoff reduzieren

Im Zuge des Klimapakets hat die Bundesregierung bislang vor allem Kauf- und Anreizprogramme für E- Autos und die Ladesäuleninfrastruktur beschlossen. Der Fraktion geht es dabei vor allem um die klimaneutrale Erzeugung von Wasserstoff aus Öko-Quellen wie Offshore-Windenergie – sogenannten grünen Wasserstoff. Anwendungen sind etwa die Umwandlung von grünem Strom in diverse Stoffe (Power-to-X, PtX), darunter Wasserstoff oder Methan (Power to Gas), in flüssige Energieträger wie Kraft- und Brennstoffe (Power to Liquids) oder andere chemische Grundstoffe (Power to Chemicals).

Konkret fordern die Fachpolitiker, den Strompreis für die Produktion von Wasserstoff zu reduzieren – etwa durch eine Senkung der Umlage nach dem Erneuerbare-Energien- Gesetz und anderen Energiesteuern. Dies sollte auch auf sämtliche Ausgangsstoffe und Vorprodukte, die auf regenerativ hergestelltem Strom, Wasserstoff und Kohlenstoff oder Kohlenstoffdioxid basieren, ausgeweitet werden. Das Strategiepapier sieht zudem eine Anhebung der Zielquote für regenerative Kraftstoffe von 14 auf 20 Prozent vor. Weiterhin wird ein Marktanreizprogramm für Wasserstoff gefordert, für das von 2021 bis 2026 insgesamt fünf Gigawatt ausgeschrieben werden sollten.

Die Union regt auch an, Kohlendioxid künftig aus der Atmosphäre abzutrennen oder aus Industrieprozessen abzuscheiden. Um die Forschung anzuregen, sollte das Reallabore-Programm des Bundeswirtschaftsministeriums ausgeweitet werden. Die Bundesrepublik könne auch mit anderen Ländern stärker zusammenarbeiten, in denen grüner Wasserstoff leichter hergestellt und dann exportiert werden könnte, empfehlen die Unionspolitiker.

Auch Schleswig-Holstein will bei Wasserstoff nachziehen

Der Landtag in Kiel hat sich mit großer Mehrheit für den Aufbau einer Wasserstoffindustrie auf Basis der Erneuerbaren Energien in Schleswig-Holstein ausgesprochen. Einem Antrag von CDU, Grünen und FDP, die Landesregierung solle einen Maßnahmenkatalog für eine entsprechende Strategie entwickeln, stimmten auch die Oppositionsfraktionen von SPD und SSW zu.